Oldenburg ist keine Fahrradstadt

Oldenburg. Gefühlt sind es 25°C im IT Develop- and Deployment Center – kurz: „binary cube“ – bei Umfrageheld. Man schwitzt wieder mal an Stellen, die man sonst nur beim Duschen erreicht. Und sind wir doch ehrlich: Das machen wir doch gern. Schließlich haben wir hier oben im Nordwesten auch sehr lange durchhalten müssen, bis mal ein paar schöne, warme Sonnenstrahlen die Haut kitzelten. Es gilt also: Sommer ist, wenn die Toilettenbrille mit dir aufsteht.

Natürlich ahnt ihr, was das hier wird, wenn der Code-Knecht Zeilen in (s)einem Blog schreibt: Es wird mal wieder Zeit für ein paar Facts. Versprachen wir euch noch am 17.06. ein paar Ergebnisse, ist heute wieder so ein Moment - tadaaa! -, denn es geht um Teil 2 unserer Reihe „die dreisten Drei“. Dieses Mal ... ehm ... Moment ...

Die Tauben gurren draußen um die Wette, als wäre hier irgendwo 'ne Tüte Krümel geöffnet worden. Wir nennen sie liebevoll Beatricé, Justiné und den frivolen Jaqués. Hier kann ich euch echt crazy shit schreiben, denn die drei hocken auch gern mal am Fluchtfenster des „binary cube“ und glotzen mit auf den Monitor. Ich nehme mir also mal bald die Zeit, um mit denen über Datenschutz zu reden – ganz schön aufdringlich diese geflügelten Biester. Aber weiter im Text ...

Dieses Mal schreibe ich euch zu Teil 2 der Reihe: Verkehr. Denn wir hatten die Community gefragt, wie in der Stadt das Verkehrsaufkommen wahrgenommen wird, was gut ist und was stört. Und wie ihr in der Headline schon lesen könnt, habe ich – in Eigenverantwortung und ohne Rücksprache – Oldenburg den Titel „Fahrradstadt“ aberkannt. Warum? Was mir einfällt? Dazu im Laufe des Textes und später mehr.

60 % aller Radfahrer mögen Autofahrer nicht. Stinken, laut, nervig, gefährlich fehlende Umsichtigkeit, nehmen Platz weg, Parken bekloppt, fühlen sich immer im Recht, nehmen keine Rücksicht und weitere vielleicht nicht ganz unbegründete Argumente tauchen auf. Umgekehrt: Gut 35 % der Autofahrer haben ein Problem mit Radfahrern. Die nehmen sich Frechheiten heraus, fahren wie sie wollen, geben keine Richtungszeichen (was mich persönlich als Radfahrer auch gern an meinen Mitradlern abnervt), fahren trotz Verbot in der Fußgängerzone, Parken bekloppt, fahren auch bei rot über Ampeln u. v. m. Also wenn ihr mich fragt: das ist ziemlich ähnlich. :)

Passend zu den aktuellen Temperaturen also was arg Trockenes: Der Freund des vierrädrigen, liebsten Kindes bewertet den Untergrund für sein Gefährt durchweg „befriedigend“ (Schulnote; mit 71 % der möglichen Punkte). Betrachten wir die Einzelwertung von Hauptstraßen, Landstraßen und Autobahnen, schneidet die Autobahn mit 78 % auf Platz 1 ab. Die offenbar schwächsten Verkehrsteilnehmer – Fußgänger ohne Knautschzone – geben ihrem Asphalt-Areal gerade mal die Schulnote „drei minus“ (mit 68 %).

Dazwischen fährt wer? Richtig: Das ist die Piste für Radfahrer. Mit und ohne Licht. Mit und ohne Kopfhörer. Mit und ohne Anhänger. Mit und ohne Klingel. Mit und ohne Verstand. Häufig auch mal ohne Öl und es quietscht mächtig aus dem Fahrwerk. :) Und die Radwege bekommen von euch gerade mal ein „ausreichend“ (mit 58 %). Nun, da ich selbst zur Fahrradfraktion gehöre, kann ich durchaus behaupten, dass es in dieser Stadt sehr gute Teilstücke gibt – und eben exakt auch genau die andere Seite, die womöglich der Vorhof der Fahrradhölle sein muss. Waschechte Frühgeburtsstrecken, die von Fahrer und Material beim Befahren alles abverlangen. Oh, „abverlangen“ ...

Seit Umzug Dezember 2019 lebt der gebeutelte Binäro dann doch etwas sicherer auf der Straße. Ich schwör' euch: Es gab Momente auf dem Weg in den Stadtsüden, da hatte der Tod die Sense in der Hand und die Würmer die Lätzchen schon um. Trauriger Rekord an einem Abend im November 2019 auf dem gut 10 km langen Heimweg waren sechs hochgefährliche Situationen mit Autos – trotz Licht, trotz Reflektoren, trotz Leuchtbinden an Armen und Beinen und – verdammt nochmal – trotz Warnweste. Es gab Prellungen, Schürfwunden, kaputte Kleidung, Achten in den Felgen, gerissene Bremsleitungen unter Volllast – um Auszuweichen und damit auch mein Fell möglichst unversehrt bleibt. Angehalten hat nie einer. Und irgendwo singt der Wendler nun „Eeegaaal“. Aber ich sag euch: Es gab da Tage, dass ich den Eindruck hatte, ich würde auf einer Abschussliste stehen. Kopfprämie auf Binäro? Puh, das ist vorbei. Aber auf dem eigens vergebenen Punktesystem gab es täglich mindestens eine unheimliche Begegnung.

Einige unserer Autofahrer-Freunde kennen sich indes mit Punktesystemen, Entzug von Fahrerlaubnissen oder gar diesen spontanen Selbstportraits vom Straßenrand aus: jede(r) Dritte hat im Jahr mindestens 1x Kontakt mit diesem feinen Selbstauslöser einer Geschwindigkeitskontrolle. Was mich aber sehr freut, ist, dass ihr da draußen mit einer stabilen dreiviertel Mehrheit unfallfrei seid und hoffentlich auch bleibt.

Ich bin aktiv in ein paar Gruppen rund um Oldenburg auf dem Fratzenbuch aka „facebook“. Mindestens 1x im Monat gibt es einen Aufruf von irgendwem darin, den es beim Parken vor einem Discounter, in seiner Straße oder einem Baumarkt erwischt: Beschädigung am Fahrzeug durch Ein- oder Ausparken. Und dann sitze ich da immer und denke mir: „Boah, das ist doch kacke.“ Wir alle haben dafür eine Haftpflichtversicherung – ich verstehe dann nicht, warum es Leute gibt, die abhauen. Und dann denke ich mir, dass es doch nur selten sein dürfte und schiebe es auf meine subjektive Wahrnehmung in der Gruppe bei solchen Postings. Nun bekam ich es gerade ins Gesicht: jeder Zehnte verzieht sich von einem Unfallort! Uff, ich bin schockiert.

Feiern, Party, Alkohol und Leichtsinn – diese Kombination kommt auch in Oldenburg vor. Wer angetrunken am Lenkrad seines Fahrzeuges sitzt, gefährdet nicht nur sich selbst. Leider vergisst man dies gern auch mal und darum fragten wir euch, was ihr machen würdet, würde der beste Freund oder die beste Freundin sich volltrunken ans Lenkrad setzen, um loszufahren. Von mir bekommt ihr da draußen eine „zwei plus“ (mit 90 %), denn ihr würdet euch auf die Person werfen und den Schlüssel im wilden Handgemenge abnehmen. Dickes Lob an euch!!!

Und wenn es dann mal rummst? Dann sollte man in der Lage sein ... na, Moment, das erzähle ich anders: Ich stelle mich an den Pferdemarkt. Fünf Autos passieren die Ampel in einer Grünphase und es geschieht ein Unfall und man muss die Unfallstelle absichern. Es gibt eine leichtverletzte Person. Einer dieser fünf wäre nun nicht in der Lage zu helfen – weder mit Verbandskasten, noch mit Warndreieck. Einfach mal wirken lassen!

Und jetzt bin ich ehrlich: Erst vorletzte Woche hat ein Vorstellungsgespräch stattgefunden und der Bewerber hat hier mehr Zeit verbracht als ursprünglich angedacht. Deutlich mehr Zeit. Logische Konsequenz: eine kleine Papiersendung am Scheibenwischer vom Ordnungsamt. Interessant war zu beobachten, wie der gute Mann darauf reagiert – aber der nahm das auch noch mit sehr viel Humor und Verständnis (Zitat: „Ist ja richtig.“). Auf eure Antworten auf die Frage zum Ordnungsamt der Stadt Oldenburg habe ich mich daher natürlich sehr gefreut. Und? Über 50 % (!!!) verstehen und respektieren die Arbeit des Ordnungsamtes – gut 17 % haben wohl Bannsiegel, Flüche und stets schlechte Laune euch gegenüber. Liebes Ordnungsamt der Stadt Oldenburg, jede(r) Zweite findet euch dufte! Macht bitte weiterhin euren Job genau so – danke für eure Nervenkostüme und eure Ausdauer gegen Parksünder, Trolle und Honks des täglichen Alltags.

Wollt ihr auch ein paar Tipps für kostenfreies Parken? Ja, wir eigentlich auch – z. B. wie erwähnt für unsere Bewerber hier in der Firma. Aber eure Antworten haben mich umso mehr überrascht: Einige von euch hatten durchaus den einen oder anderen Tipp (werde ich mal selbst prüfen). Ungewöhnlich viele aber sprechen von den Parkplätzen von Discountern, Möbelhäusern oder sogar an einer Werbeagentur namens „Feinrot“. Achtung, die lassen euch da auch wegziehen (abschleppen) – denn das ist eben kein öffentlicher Parkraum.

Und wenn dann mal zwei Verkehrsteilnehmer aneinander geraten (ich wurde gestern als Radfahrer mal wieder angebölkt; hatte einen anderen Radfahrer stadteinwärts überholt), dann fliegt auch mal die Kuh. Ich fasse es mal ganz ohne Wertung so zusammen: 12 % von euch sind die Ruhe in Person ... die anderen ... naja, die sind dann wie der Typ gestern auf seinem Rad. Aber unter uns: Niemand macht immer alles richtig. Ja, man macht mal 'ne Bremsung, man muss ausweichen, man schüttelt auch mal den Kopf oder macht mächtig den Kopfpatscher – aber so lange nichts passiert, muss man sich eigentlich gar nicht aufregen.

Wie eingangs versprochen muss ich aber noch auflösen, warum Oldenburg keine „Fahrradstadt“ mehr ist. Denn im eigentlichen Sinne ist nicht klar definiert, welche Kriterien hier erfüllt sein müssen, um als solche zu gelten – selbst auf Wikipedia und dem Thema Fahrradstadt zählt das gern zum Tourismus-Marketing. Nun, eben dieser Wikipedia-Eintrag schreibt von 43 % für Oldenburg. Diese Prozentangabe meint den Anteil an Wegen, die die Einwohner mit dem Rad zurücklegen. Unsere Umfrage ergab, dass im Jahre 2020 es gerade mal noch 38 % sind, wobei hier auch noch E-Bike und E-Scooter hinzugezählt wurden. Platz 1 belegt das Auto – mit deutlichem Vorsprung vor allen anderen. Fahrrad? Naaa ... komisch, komisch! ;)

Was mir wichtig ist: Ganz egal, wie Du auf den Straßen und Wegen dieser Stadt unterwegs bist. Wir alle wollen doch nur eines: Sicher und heile da ankommen, wo wir gerade hin wollen – und wenn es abends nur wieder zurück in den Kreis der Familie, zum Partner (m/w/d) oder auf die Netflix-Couch ist. Ich wünsche euch daher allseits gute Fahrt, passt auf euch und andere Verkehrsteilnehmer auf.