Nordseeküste im Sommer

Schön isses, oder? Nicht wirklich ein Wölkchen, ein kleines Lüftchen weht, die Vöglein zwitschern und die Rasenmäher in der Nachbarschaft laufen im wechselnden Wettstreit der ansässigen Dezibel-Terroristen für Samstagsgestör(t)e. Nein, irgendwie will ich jetzt mal nicht mit der E-Gitarre dagegen „battlen“. Ich packe meine Tasche und fahre woanders hin, um ein paar Gedanken aus dem Kopf auf Papier zu bannen. Die Finca in Wechloy ist mal wieder für einen Hausbesuch fällig.

Da knattert schon das Motorrad zum Aufwärmen (sorry, liebe Naturschützer - mein Mädchen ist schon älter und hat einen Choke) und schnurstracks geht's auf eine der städtischen Hauptverkehrsadern. Und alle sind unterwegs: andere Biker, die Sonntagsfahrer (deutlich zu früh dran), kleinere und fröhliche Verkehrsteilnehmer, größere und drängelnde Trolle mit mehr PS unter der Haube als Drehzahl im Hirn. Ja, dann überhole mich halt, wenn ich Dir mit grob 60 km/h in der City zu langsam bin. Daumen hoch wird von mir gezeigt – ich ernte einen unseriösen Mittelfinger. Hey, es ist Samstag – warum ärgern?

Blinker rechts – hier will ich rein. Direkt vor der Finca ist nix frei, aber da deutet sich gerade eine Lückenbildung für Parkraum gegenüber an. Liebes Finca-Team, wenn ihr diese Zeilen lest: Im Sommer wären die Parkplätze direkt am Haus für „biker only“ sogar optisch ein echter Hingucker (explizit mit Feuerschalen etc.). Aber ich hab ja nun meinen Stellplatz – geschickt diagonal gestellt, damit zwei weitere Bikes Platz hätten. So ist es fein – dann mal ab auf die Terrasse. Und dann ist da plötzlich dieses Auto aus dem Nichts ...

Der Schritt vom Motorrad weg sorgte für eine beinahe unheimliche Begegnung mit einem Opel Corsa. Die Fahrerin – recht dicht am rechten Seitenrand und merklich selbst auf der Suche nach einer Parkmöglichkeit – macht aber auch keine Korrekturen innerhalb ihrer Fahrspur. Oh, das ist sehr knapp. Sie merkt es, wir heben beide entschuldigend die Hand – und je näher ich der Terrasse komme, umso mehr riecht es nach Kaffee, Essen und man hört typische Konversationen. Hey, da hinten ist was frei – den Tisch nehme ich.

Angekommen. Alles auf dem Stuhl abladen und erstmal ausziehen. Mein Sitzplatz steht schon richtig gut und ich schnappe mir mein Schreibzeug aus der Umhängetasche. Meine Totenkopf-Ringe glitzern phantasievoll im Sonnenlicht. Das getragene Schwarz wärmt sich in der Sonne langsam auf. Ich sitze, stecke mir Kopfhörer in die Ohren und schalte direkt auf meinen typischen Ohrwurm. Die Bedienung kommt an meinen Tisch mit der Nummer 403.

„Hallo, darf es schon was sein?“ - „Auch ein Hallo - und ich wähle einen Milchkaffee. Damit fangen wir an.“ Sie lächelt. Und so schnell wie hinter dem geschlossenen, großen Sonnenschirm aufgetaucht, ist sie hinter selbigem auch schon wieder verschwunden. Ich beschäftige mich mit meinen Gedanken und mache erste Notizen. „Weltherrschaft“ ... aber das ist ein anderes Kapitel. Da kommt ... huch, eine andere Bedienung? Ich werde angeschaut mit der Frage „Milchkaffee?“ „Den nehm' dann wohl ich“ und bekomme eine typische Tasse mit dem stets gleichen Motiv eines Blattes im Schaum, einem Keks und zwei Portionen Zucker (die keiner braucht und gleich wieder zurückgehen). Aber die Bedienung lächelt auch. Ich kritzel mit meinem Bleistift weitere Notizen in mein Buch. Musik schallt auf den Ohren und alles um mich herum ist irgendwie ausgeblendet.

Es wird voller – die Terrasse füllt sich zusehends mit neuen Gesichtern, die sich auf ihre Auszeit freuen. Es huschen Eisbecher an die Tische, Kaltgetränke, riesige Platten mit Fingerfood, Kaffee und Kuchen und es riecht nach Meeresfrüchten. Als der Gedanke „Esskultur“ durch meinen Kopf huscht, schaue ich unaufgefordert nach links. Passend dazu stopft in dem Moment eine junge Frau offenbar zu viel Kuchen in die eigene Futterluke – ich muss laut Lachen. Ja, immer wieder schön, mal an den einen oder anderen Tisch zu schauen. Die Terrasse ist mittlerweile fast vollständig besetzt. Ehm ... aber was ist denn das?

Es stehen Leute im Eingangsbereich zur Terrasse und suchen einen Tisch. Hey, um mich herum ist alles frei (!). Aber nein, niemand will bei mir sitzen. Echt jetzt? Moment - hey, Leute ... hier doch jede Menge Platz? Sonne? Gute Laune? Alles da - aber nein. Die Tische um mich herum bleiben auch weiterhin unbesetzt. Da fühlt man sich prompt sozial ausgegrenzt. :D

Ein drittes Gesicht der aktuellen Service-Crew kommt an meinen Tisch und fragt aus der Ferne sowie wortlos mit hochgezogener Augenbraue und Daumen hoch, ob noch alles in Ordnung wäre. Ich quittiere mit einem ruhigen Kopfnicken und widme mich wieder meinem Tun in meinem Buch. Dann packt es mich und ich spiele ein paar Klänge per Luftgitarre mit - aber keine Bange, alles noch sitzend und nicht ausartend. Die Minuten vergehen. Meine Tasse füllt sich mit Luft. Aber niemand kommt oder reagiert.

Ich wurde vergessen. Hier scheint das Bermuda-Dreieck der Oldenburger Finca zu sein. Aber da war ja noch was – die Tisch-Nummer: Vier-Null-Drei. Ja, das ist es. Und es wird auch niemand mehr kommen. Ich stehe auf und ziehe mich vollständig an. Packe alles ein. Zähle mein Geld stehend und mehr als offenkundig ab. Doch wie erwartet: niemand kommt. Also stelle ich mich in den Kassenbereich – irgendwem wird schon auffallen, dass ich Zahlen würde wollen. Und in der Tat: plötzlich trauen sich wartende Gäste an meinen alten Platz, an dem niemand sitzen wollte. Gefühlte zwei Minuten später werde ich gesehen und es kommt jemand.

Mein Milchkaffee kostet 3,30 EUR. 4 EUR wechseln den Besitzer und mir wird bestätigt, dass heute etwas Durcheinander in der Service-Crew herrsche. Nun, alles kein Problem, doch habe ich eine andere Erklärung für Tisch-Nr. 403: „HTTP 403 ist der Standard-HTTP Status zwischen Client und Server um anzuzeigen, dass der Zugriff auf diese Ressource aus irgendeinem Grund verboten ist.“ Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers: Tilt. Und lachend gehe ich zu meinem Motorrad ... hach, schön – unerwartete IT-Witze im „real life“.

Ab nach Hause – horchen wir mal, wie weit die Rasenmäher mit dem Angleichen der Grasnarbe in umliegenden Gärten sind.